Podcast Ready.Set.AI mit Katja Nettesheim

KI-Transformation: Warum sie aktuell an der Führung scheitert

3–5 Minuten

KI steht bei fast allen auf der Agenda. 95 Prozent der Unternehmen sagen das. 40 Prozent nennen es Top-Priorität. Und trotzdem haben 4 von 5 Organisationen keine KI-Strategie – zumindest keine, die das auch wirklich ist. Das ist keine Behauptung. Das sind Daten aus einer aktuellen Studie von MEDIATE, der Strategieberatung von Prof. Dr. Katja Nettesheim. In der ersten Folge von Ready.Set.AI habe ich mit ihr darüber gesprochen, was hinter dieser Lücke steckt – und warum das Problem nicht dort sitzt, wo die meisten es vermuten.

Die Phase der „unschuldigen KI-Nutzung“ ist vorbei

Die letzten zwei Jahre ließen sich gut überbrücken. Man nutzte KI im Kleinen, ein bisschen heimlich, ohne große Strategie. E-Mails schneller schreiben, Texte zusammenfassen, Entwürfe generieren. Katja Nettesheim nennt das die Phase der „unschuldigen KI-Nutzung“ – und sie ist vorbei.

Was jetzt passiert, ist etwas anderes: KI verändert Wertschöpfung, Kundenbedürfnisse und ganze Geschäftsmodelle. Das ist keine Effizienzfrage mehr, sondern eine Strategiefrage. Und die landet dort, wo sie den meisten am unbequemsten ist: ganz oben.

Die Lücke zwischen Bereitschaft und Strategie

Die Zahlen aus dem MEDIATE-Whitepaper sind eindeutig:

  • 79 Prozent der Befragten sagen, ihre Führung habe keine KI-Strategie.
  • 65 Prozent der Mitarbeitenden sagen, sie seien bereit.
  • 57 Prozent nennen mangelnde Zeit der Führungskräfte als größten Bremsfaktor.

Das ist eine ungewöhnliche Konstellation. Bei der klassischen digitalen Transformation der letzten 20 Jahre war die Skepsis oft bei den Mitarbeitenden zu finden. Bei der KI-Transformation dreht sich das um: Wer KI im Alltag schon nutzt, weiß, dass es funktioniert – und will mehr davon.

Die Bereitschaft kommt von unten. Der Impuls von oben bleibt aus.

Der Grund ist nicht Ignoranz. Es ist etwas, das Katja Nettesheim im Gespräch sehr präzise benennt: Orientierungslosigkeit. Gepaart mit der Hoffnung, irgendwann mehr Überblick zu haben, bevor man entscheidet. Das Problem dabei: Mehr Überblick wird es nicht geben. Die Situation wird nicht stabiler. Wer auf Klarheit wartet, wartet vergeblich.

Hausaufgaben der digitalen Transformation – jetzt nachholen?

Ein weiterer Befund aus Katjas Beratungsarbeit: Viele Unternehmen, die jetzt KI-Transformation angehen, stoßen dabei auf offene Baustellen der digitalen Transformation. Datensysteme, die nicht durchgängig sind. Automatisierungen, die nie fertig wurden. Datenbestände, die strategisch nie behandelt wurden.

Bedeutet das: erst die Hausaufgaben, dann KI?

Nein, sagt Katja Nettesheim. Dafür fehlt die Zeit. Beides muss gleichzeitig laufen – und der KI-Einsatz kann dabei helfen, die Hausaufgaben leichter zu machen. Tools, die vor zwei Jahren noch aufwendig zu implementieren waren, erledigen heute Aufgaben von selbst. Das ist kein Trost, aber es ist ein echter Vorteil für alle, die jetzt anfangen.

Was Führung jetzt konkret tun muss

Drei Punkte aus dem Gespräch, die hängenbleiben:

1. Zeit einräumen, nicht nur Priorität proklamieren. KI hat Top-Priorität, sagen 40 Prozent. Gleichzeitig ist mangelnde Zeit der meistgenannte Bremsfaktor. Wer etwas zur Priorität erklärt, muss dafür auch Kalenderzeit freigeben. Das klingt banal. Es passiert trotzdem nicht.

2. Das Argument „Datenschutz lässt es nicht zu“ neu bewerten. Es wird häufig als Schutzbehauptung verwendet, sagt Nettesheim – und sie lässt es nicht mehr unhinterfragt gelten. Governance und Sicherheitsanforderungen sind real. Aber sie sind selten so absolut, wie sie in Diskussionen klingen.

3. Nicht auf Stabilität warten. Die Entscheidung, erst abzuwarten, bis sich die KI-Landschaft beruhigt hat, ist keine strategische Pause – es ist verlorene Zeit. Jede Woche zählt, sowohl für das Unternehmen als auch für Deutschland im internationalen Vergleich.

Drei Perspektiven auf ein Unternehmen – was jede sieht und was nicht

Katja Nettesheim hat Unternehmen als Strategieberaterin begleitet, als Interims-Chief Transformation Officer geführt und als Aufsichtsrätin beobachtet. Das ist selten. Im Gespräch beschreibt sie, was diese drei Perspektiven jeweils sehen – und was ihnen entgeht.

Der Aufsichtsrat sieht, was das Management nicht auf der Agenda hat. Er sieht aber nicht, was im Unternehmen strukturell nicht funktioniert. Das Management kennt die Restriktionen genau – und muss gleichzeitig entscheiden, welche davon es wirklich ernst nimmt und welche eher als Bremse wirken. Das mittlere Management spürt täglich, wo es hakt, hat aber begrenzte Möglichkeiten, das gesamte Unternehmen zu bewegen.

Das Ergebnis: Es gibt in jeder Organisation Menschen, die wissen, was zu tun wäre. Aber die Perspektiven sprechen zu selten miteinander.

Was KI persönlich verändert – ein ehrlicher Blick

Am Ende des Gesprächs kommt eine Frage, die ich allen Gästen stellen werde: Was hat KI bei dir persönlich verändert, was du nicht erwartet hättest?

Katja Nettesheim antwortet ohne Zögern: Es ist die Erschöpfung. Nicht die schlechte Art – aber eine, die neu ist. Wer KI intensiv nutzt, wer zwischen parallelen KI-Sessions springt, während Prozesse im Hintergrund laufen, erlebt eine neurologische Belastung, für die es noch kein etabliertes Gegenmittel gibt. Wie denke ich, während die KI denkt? Was mache ich mit meiner Aufmerksamkeit, damit meine eigenen Fähigkeiten nicht nachlassen?

„Das“, sagt sie, „ist die große zivilisatorische Frage“. Und dann: „What a time to be alive.“

Infos zum Gast

Katja Nettesheim ist CEO der Strategieberatung _MEDIATE und der KI-Lernplattform Culcha, Autorin von KI-Kompetenz für eine Zukunft in Wohlstand und Initiatorin der KiK-Initiative – einer Initiative, die KI-Transformation als letzte Chance für Deutschland begreift, wieder zur Weltelite aufzuschließen.

Die ganze Folge gibt es auf Spotify und Apple Podcasts.

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